Interdisziplinäres Institut für Digitalisierung – kompetenter Vermittler auf dem Gebiet der Digitalisierung

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Am 25. Oktober wurde das Interdisziplinäre Institut für Digitalisierung, kurz IIFD, an der Hochschule Koblenz offiziell eröffnet. Über die Initiatoren und Ziele der neuen Einrichtung sprachen wir mit Prof. Dr. Wolfgang Kiess, Prof. Bert Leyendecker und Prof. Walter Wincheringer.

Herr Professor Kiess, was waren Ihre Beweggründe, das IIFD ins Leben zu rufen?
Kiess: Viele Professorinnen und Professoren der Hochschule Koblenz beschäftigen sich seit Jahren mit digitaler Transformation und den zugrundeliegenden Technologien: sei es nun Industrie 4.0, der neue Mobilfunkstandard 5G, die Analyse von großen Datenmengen, der Einfluss von Digitalisierungsprozessen auf den Menschen oder die Herausforderungen bei der Gewinnung und Qualifizierung geeigneter Fachkräfte. Durch die immer stärkere Präsenz des Themas in der Öffentlichkeit ist die Gründung eines Instituts genau der richtige Weg, um die in der Hochschule Koblenz vorhandene Expertise in Wirtschaft und Gesellschaft zu tragen. Wir wollen damit die Prozesse der digitalen Transformation in der Region unterstützen, was wir als dringend notwendig erachten. Die Interdisziplinarität des Instituts spielt hierbei eine entscheidende Rolle, da die Digitalisierung eine so umwälzende Kraft ist, dass sie auf viele gesellschaftliche Teilbereiche gleichzeitig wirkt. So muss etwa bei der technischen Fragestellung wie ‚Welche Cloud-Plattform ist geeignet?‘ die ökonomische Frage nach dem geeigneten Geschäftsmodell genauso mitgedacht werden wie der Datenschutz oder die Frage nach Beschäftigten, die die neuen Techniken einführen und anwenden können.

Prof. Dr. Wolfgang Kiess, Direktor IIFD, und Dr. Anne Schulze, stellvertretende Direktorin des IIFD, laden zur Eröffnungsfeier des neuen Instituts am 25. Oktober ein

Wer sind die Initiatoren?
Kiess: Begonnen hat alles mit Gesprächen von verschiedenen Industrie-4.0-Experten aus den unterschiedlichen Fachbereichen der Hochschule und der Idee, die Digitalisierung hierbei ganzheitlich zu betrachten. Quasi zeitgleich gab es eine Initiative der Hochschulleitung im Bereich Digitalisierung, und auch in anderen Fachdisziplinen waren schon verschiedene Projekte im Gange. Schnell war klar, dass ein solch komplexes Thema wie Digitalisierung am besten auch in einem ganzheitlichen Rahmen wie einem interdisziplinären Institut aufgehoben ist. Im Endeffekt gibt es also verschiedene Initiatoren des IIFD, sowohl aus den Fachbereichen heraus als auch von Seiten der Hochschulleitung.

Wer kann sich an das IIFD wenden?
Wincheringer: Unsere Zielgruppe sind lokale, regionale und auch überregionale Unternehmen und Institutionen, die wir bei der digitalen Transformation etwa durch bilaterale Forschungs- und Entwicklungsprojekte unterstützen wollen. Insbesondere bei KMUs stellen wir Kenntnisdefizite und fehlende personelle Ressourcen fest, wo wir je nach Aufgabenstellung Hilfestellungen geben oder einen Know-how-Transfer unterstützen können.

Wie ist aus Ihrer Sicht in den Unternehmen der Region der aktuelle Stand der Dinge in Sachen Digitalisierung, Industrie 4.0?
Leyendecker: Die Bundesrepublik Deutschland und auch unsere Region bewegen sich mit hoher Dynamik in Richtung Industrie 4.0. Viele Unternehmen nutzen bereits die Potenziale cyber-physischer Systeme. Der gegenwärtige Entwicklungsstand in den einzelnen Unternehmen ist jedoch sehr unterschiedlich. Dies belegt ein Gutachten der Hochschule Koblenz zum Status quo von Industrie 4.0 im Landkreis. Die strategische Bedeutung von Industrie 4.0 schätzen die meisten Unternehmen – 90 Prozent der Befragten – als hoch ein. Bei der tatsächlichen Umsetzung von Industrie-4.0-/Digitalisierungslösungen gibt es jedoch erhebliche Unterschiede. Zum einen gibt es KMUs die, getrieben durch den Geschäftsführer, sehr aktiv in Sachen Digitalisierung sind und bereits erste Lösungen erfolgreich realisiert haben. Dies gilt natürlich auch für größere Konzernbetriebe. Auf der anderen Seite trifft man oftmals auf Technologieführer, die eine sehr hohe Auslastung haben und daher kaum die Zeit finden, sich mit der digitalen Transformation zu beschäftigen. Den Unternehmen bereiten vor allem der hohe Investitionsbedarf, der Fachkräftemangel und fehlende Standards Kopfschmerzen. Insbesondere fehlt es neben der Erkenntnis der Wichtigkeit auch am Know-how und Do-how, digitale Transformationsprojekte (trotz Tagesgeschäft) zu initiieren und erfolgreich umzusetzen.

Wie kann das IIFD auf dem Weg zur Digitalisierung hilfreich sein?
Kiess: Das IIFD bündelt die Expertise von 20 Kolleginnen und Kollegen der Hochschule Koblenz, die sich in verschiedensten Disziplinen schon seit Jahren mit Digitalisierung beschäftigen. Das Institut fördert den Austausch zwischen diesen Experten und erlaubt es eben, eine Aufgabe aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Solche Aufgaben werden oft von außen an uns herangetragen. Wir zielen auf einen aktiven Wissens- und Technologietransfer nach außen ab und betreiben auch innovative Forschung als Voraussetzung für solche Projekte und die Lehre. Bei der konkreten Umsetzung von Digitalisierungsprojekten gibt es niederschwellige Angebote zur Zusammenarbeit mit uns. Angefangen bei Studien- und Abschlussarbeiten über gemeinsame Projektarbeiten bis hin zu langfristigen Forschungs- und Entwicklungsprojekten, die wir auch mit externer Förderung durchführen.

Ihre Einschätzung: Wann wird „Industrie 4.0“ Realität sein? Wann wird die Digitalisierung „abgeschlossen“ sein?
Wincheringer: Der ursprüngliche Begriff ‚Industrie 4.0‘ zielt in Form der Smart Factory rein auf die Fertigung ab. Hier gibt es sicher noch sehr viel zu tun, bis die Werkstücke autonom den Wertschöpfungsprozess durchlaufen. Das Ganze aber nur rein aus der Fertigung heraus zu betrachten ist zu kurz gedacht, vor allem smarte Produkte und Services sowie die Disruption der Geschäftsmodelle ist der eigentliche Knackpunkt. Was die Elektrotechnik für das 19. Jahrhundert und die Informationsverarbeitung für das 20. Jahrhundert bedeutete, werden die Digitalisierung und die cyber-physikalischen Systeme/IoT für das 21. Jahrhundert sein. Wir werden in den nächsten Jahrzenten noch größere Umbrüche als in der Vergangenheit erleben. So gesehen ist ein Abschluss erst einmal nicht in Sicht.

Im TechnologieZentrum Koblenz beschäftigen sich einige Unternehmen mit Digitalisierung und Industrie 4.0. Sehen Sie da Kooperationsmöglichkeiten?
Kiess: Start-ups gehören zu den Treibern der digitalen Revolution und sind für die Digitalisierung von nicht zu überschätzender Wichtigkeit. Sehen Sie sich nur einmal aktuelle „Top 25“- oder „Top 50“-Start-up-Listen an oder auch die Themen, mit denen sich die Firmen im TZK beschäftigen. Die meisten haben ihr Kerngeschäft im Bereich Software, Daten und digitale Inhalte. Damit ist also ein Austausch sehr wichtig, und er findet bereits auf vielen Ebenen statt. So bin ich neben meiner Tätigkeit als Direktor des IIFD auch im Vorstand von IT.Stadt Koblenz e. V. aktiv und habe damit, etwa über unsere IT.Stadt-Geschäftsstelle im TZK und die IT.Stadt-Mitgliedsfirmen schon einige Kontakte. Wir arbeiten auch in der Lehre mit Firmen aus dem TechnologieZentrum zusammen, etwa durch Gastvorträge in unseren Vorlesungen, was unseren Studierenden einen direkten Draht in die Praxis gibt. Aber natürlich lässt sich das im Weiteren ausbauen.

Wagen Sie einen Ausblick: Was wird die Digitalisierung verändern? Wo sehen Sie das größte Potenzial und den größten Wandel und was muss unsere Gesellschaft dafür tun?
Wincheringer: Nicht nur die Produktion wird sich verändern, auch die Arbeitswelt in den administrativen Bereichen steht vor einem Umbruch. Die Arbeit wird komplexer, vielschichtiger und der Bedarf an Experten auf der einen Seite und der Bedarf an Generalisten auf der anderen Seite wird zunehmen. Die Automatisierung der letzten Jahrzehnte wird sich in weite Tätigkeitsfelder, auch in administrativen Aufgabenbereichen, ausdehnen und viele heutige Arbeitsplätze obsolet machen. Der Bedarf an einfachen Tätigkeiten wird weiterhin stark rückläufig sein.
Politik, Wissenschaft, Unternehmer und Gewerkschaften müssen neue Konzepte für die Arbeit von morgen entwickeln und die gesellschaftlichen Herausforderungen erkennen und neue Modelle erarbeiten. Dabei muss eine weitere Alimentierung von Gesellschaftsschichten unbedingt vermieden werden. Auch eine stärkere Entkopplung des Wohlstands von dem aktuellen Ressourcenverbrauch muss uns gelingen. Hierzu muss die Politik, unter Beachtung der Globalisierung, geeignete Anreize und Strukturen schaffen.

Vielen Dank für des Interview.

Im Interview
Prof. Dr. Wolfgang Kiess, Direktor IIFD, Professor für Softwaretechnologie für Industrie 4.0 und Mitglied im Vorstand IT.Stadt Koblenz e. V.
Prof. Dr. Bert Leyendecker, Mitglied IIFD, Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Produktionswirtschaft / OR und Projektmanagement
Prof. Dr. Walter Wincheringer, Mitglied IIFD, Professor für Ganzheitliche Produktionssysteme