Mario, unser Pizza-Profi

Blogpost vom:

Jeden Dienstag herrscht ab 11 Uhr mehr Bewegung in den Fluren des TZK-Gebäudes. Die Startup-Teams machen sich bereit, denn sie wissen: Mario kommt! Wer Mario ist? Um das beantworten zu können, muss man ihn erlebt haben. Vermutlich werden er und sein kleines rotes Fahrzeug in die Geschichte eingehen. Ein scheinbar altes Gefährt mit Küche samt Holzofen. Niemand weiß, wie er das alles da hinein bekommen hat. Und als ob nicht das schon eine Leistung wäre, sind er und seine Frau sogar in der Lage, sich zwischen dem Inventar zu bewegen. Doch ob er wirklich ein Italiener ist? Und ob die Pizza tatsächlich so lecker schmeckt oder die Start-ups bloß vom Rauch seines Ofens benebelt sind? Ich wollte es herausfinden und habe Mario unter die Lupe genommen.

„Du musst unbedingt über Mario bloggen!“, „Mario ist der Beste!“ und „Wenn du da einmal in der Warteschlange gestanden hast, wirst du wissen, wie toll Mario ist!“, trug man mir zu und steigerte meine Neugier. Schließlich war es soweit. Dienstag. Ich saß gerade an einem Schreibtisch im Coworking Space und recherchierte für einen Text. Ein Blick auf die Armbanduhr verriet, dass wir kurz vor 11 Uhr hatten. Mir war klar, dass ich Mario noch vor dem Andrang ansprechen musste, doch die Recherche ging gerade gut voran. „Wisst Ihr vielleicht, ob Mario schon da ist?“, fragte ich daher in Richtung eines Tisches knapp drei Meter von mir entfernt. Dort saßen Mitarbeiter aus unterschiedlichen Unternehmen zu einem Meeting beisammen. „Nein, aber es gibt einen einfachen Trick, das herauszufinden“, meinte Thomas.

„Schau aus dem Fenster zu den Fensterscheiben des Debeka-Gebäudes rüber. Darin spiegelt sich Marios Wagen. Und wenn du nicht ganz sicher bist, ob das sein rotes Fahrzeug ist, dann kippe das Fenster. Du wirst es riechen.“

Gesagt, getan. Dort spiegelte sich etwas Rotes. Also nichts wie hin. Die Gänge entlang, Treppe runter und zur Hintertür hinaus. Da stand er, der rote Wagen mit Schornstein. Über ihm eine Wolke, hinter ihm herrlich blühende Bäume, vor ihm ein runder weißer Tisch. Vielleicht lag es am Frühling, denn der Anblick wirkte malerisch.

Die Schrift auf dem Fahrzeug verspricht, dass man hier echte italienische Pizza aus dem Holzofen bekommt. Toller Anblick, leckere Pizza – was könnte es an einem Dienstagvormittag Schöneres geben? Vor allem, wenn einem der Magen knurrt. Kein Wunder also, dass bereits vier Personen vor Marios Wagenfenster standen. Eine ältere Dame hatte ihren etwa zwölfjährigen Enkel im Schlepptau. Als sie hörte, dass ich Mario interviewen wollte, meinte sie: „Mein Sohn hat früher im TZK gearbeitet. Damals sind wir jeden Dienstag hierher gekommen, um mit ihm Marios Pizza zu essen. Inzwischen arbeitet mein Sohn in Bendorf, aber ich komme immer noch hierher, hole die Pizzen und fahre sie zu ihm. Dann essen wir zusammen.“ Na wenn das keine Fans waren! „Und du hast heute schulfrei?“, wunderte ich mich mit Blick auf den Enkel. „In Baden-Württemberg haben wir schon Ferien, deshalb bin ich hier und möchte auch die Pizza probieren.“

Mario strahlte. „Einige aus dem TZK erkennen mich in der Stadt wieder und grüßen mich schon von weitem.“ Mehr konnte er in dem Augenblick nicht sagen, denn gemeinsam mit seiner Frau war er damit beschäftigt alles für den großen Andrang bereitzustellen. Teig wurde geknetet, Zutaten vorbereitet und Pappkartons zurechtgelegt. Die Abläufe sahen nach strikter Aufgabenteilung aus. Hoch effizient. Ob das wohl auf die Start-ups abfärbte?

„Der Dienstag ist rauchig“, sagte Mario schmunzelnd. „Aber hier tolerieren sie das, weil sie dafür besonders gute Pizza bekommen. Ich mache die Pizza exakt so, wie sie in Italien zubereitet wird.“

Wie sich herausstellte, kamen auch Mitarbeiter der Bundeswehr und der Debeka zum roten Wagen geschlendert. Einige Kunden erkannte Mario bereits von weitem und sagte: „Pizza mit Schinken und Salami?“ Die jungen Männer nickten. „In zehn Minuten sind sie fertig.“ Schon winkten die Männer und gingen Richtung Mosel. Mario drehte sich zu mir: „Jetzt machen sie einen Spaziergang, holen auf dem Rückweg ihre Pizza ab und gehen zum Essen ins TZK zurück.“ Wie praktisch! Bewegung und danach Essen. „Manche bleiben aber auch hier und unterhalten sich miteinander bis ihre Pizza fertig ist“, ergänzte Mario, während er die belegten Teigfladen in den Ofen schob.

Marios Kundschaft war bunt. Jung und Alt standen da, einige lässig gekleidet, andere in Anzügen. Einer kam mit dem Roller und zwei Autos hielten an, um wenig später mit Pizza-Kartons beladen wieder zu verschwinden. Kaum war ein Kundengrüppchen weg, kam das nächste. Die meisten kamen aus dem TZK zum Vorschein. Einer hatte sogar Teller dabei. „Das war Maltes Idee“, erklärte er, „Malte hat Dreck weg Koblenz! ins Leben gerufen und möchte Müll vermeiden.“ Ich nickte anerkennend, doch derjenige sprach weiter. „Aber ganz ehrlich, das ist nicht der einzige Grund. Die Pappkartons müsste nachher jemand zum Altpapier bringen, darauf hat aber niemand Lust. Also sparen wir uns den Müll und essen direkt vom Teller.“ Schlau, denn der Weg vom Parkplatz in die Büros ist kurz. Man muss nicht einmal Treppen steigen, weil das TZK über einen Aufzug verfügt. Während ich dem nachsinnierte, arbeiteten Mario und Ehefrau auf Hochtouren.

Mario schrieb jede Bestellung auf einen kleinen Zettel, den er mit Wäscheklammern an einer Leine über der Küchentheke befestigte. So konnte seine Frau ablesen, welche Zutaten benötigt wurden. Sie knetete immer wieder frischen Teig und beteiligte sich fröhlich hin und wieder am Gespräch. Vermutlich werden wir niemals herausfinden, wie man so schnell arbeiten kann. Einige möchten ihr Essen scharf, andere nicht, manche haben Wünsche, wie was auf der Pizza verteilt sein soll. Das ist nur möglich, weil alles frisch vor Ort zubereitet wird. „Ihre Pizzen werden in 20 Minuten fertig sein“, sagte Mario zu einer Kundin, die mit mehreren Kollegen gekommen war. Wer glaubt, dass das eine lange Wartezeit ist, kann unmöglich wissen, wie viele Bestellungen der Pizzamann zu diesem Zeitpunkt bereits in der Mache hatte. Ich meine, wie viele Pizzen können zeitgleich in Marios Ofen passen? Und was ist, wenn einige Leute mal deutlich später zur Abholung erscheinen? Das bringt doch den Zeitplan durcheinander, oder etwa nicht? Hut ab vor dieser Leistung. Und wie schmeckt die Pizza denn überhaupt?

„Wir werden auch für Geburtstage, Firmenfeiern, Sommerfeste und andere Veranstaltungen gebucht.“

„Ich habe hier schon unterschiedliche Pizza-Sorten probiert. Alle paar Wochen, vielleicht der Saison entsprechend, kommt Mario mit einer neuen Kreation vorbei“, berichtete ein Kunde. „Ja, aber die Nutella-Pizza werde ich jetzt von der Liste streichen“, verriet Mario. Nutella-Pizza? Nun ja, jedem das Seine. Doch der Pizza-Fachmann erklärte: „Die Nutella-Pizza wird vor allem von Kindern auf dem Wochenmarkt gegessen. Übrigens auch in Italien. Dort isst man fast alles auf der Pizza. Besonders beliebt ist sie mit in Scheiben geschnittener Bockwurst und Pommes.“ Vermutlich stand ich mit aufgerissenen Augen da. „Pommes auf Pizza?!“ Mario lächelte. „Na klar. Es gibt kaum etwas, das nicht auf der Pizza gegessen wird. Mit Kartoffeln belegt ist sie auch beliebt.“ Das hätte ich von den Italienern nicht gedacht und fragte daher nach: „Angeblich ist Pizza in Italien nur eine Vorspeise.“ Mario winkte ab. „Das war mal, heute isst man sie, wann man will und womit man will.“ Seine Frau fügte hinzu: „Einige essen Pizza sogar zum Frühstück.“ Mario holte mehrere Pizzen aus dem Ofen und legte sie in die vorgesehenen Kartons. „Außerdem essen Italiener nicht nur Pizza und Nudeln, sondern alles. Auch alles vom Tier, nichts wird weggeworfen. Man muss die Speisen zu schätzen wissen.“ Ich lauschte Mario und dachte an Wertschätzung der Natur gegenüber. Wer hätte gedacht, dass es in diesem Gespräch nicht nur um Pizza gehen würde, sondern auch um Verantwortung und Lebenseinstellung?

„Im TZK gibt es Veganer und auch sie essen bei uns. Der Teig enthält nichts Tierisches. Wir lassen dann auch den Käse weg, alles kein Problem.“

Mario ist auch an anderen Orten, wie z.B. in Winningen oder Bendorf unterwegs und meinte daher, ich solle am Donnerstag in die Koblenzer Schlossstraße kommen. „Dort stehe ich mit dem Wagen auf dem Wochenmarkt und habe mehr Zeit als hier. Wir könnten uns dann in Ruhe unterhalten, weil dort zwischendurch weniger los ist.“ Während ich diesen Text schreibe, überlege ich tatsächlich wieder zu ihm zu gehen. An Gründonnerstag eine Pizza Spinaci – das wäre doch was. Jetzt habe ich Hunger und klappe meinen Laptop zu. In diesem Sinne: Sehen wir uns an einem Dienstag am TZK? Dort wo der rote Wagen steht. Einfach dem Rauch folgen.

Facts über Mario, die Sie bestimmt noch nicht wissen. Wetten?!

Ist Mario Italiener oder tut er nur so?

Ja, er ist Italiener. Jedenfalls zur Hälfte. Sein Vater ist Italiener, seine Mutter Kölnerin. „Dank dieser Mischung bin ich über 1,80 m groß.“

Wie heißt Mario mit Nachnamen?

Urbach.

Ist Marios Akzent echt?

Ja. Mario wurde in Rimini geboren, knapp 15 km von San Marino entfernt, einer der ältesten Republiken der Welt. „Direkt am Strand“, wie er sagt. Er ist in Italien aufgewachsen und hat dort die Schule besucht.

Wie lange ist Mario bereits mit seinem Wagen unterwegs?

Seit zwei Jahren.

Was hat Mario vorher gemacht?

Mario kam 1994 nach Koblenz. Sein Onkel war Besitzer der damals sehr bekannten Koblenzer Pizzeria San Marino, in der Mario Erfahrungen sammelte. Zwischendurch ging er jedoch für etwa vier Jahre nach Italien zurück, bis er sich schließlich hier niederließ.

Was hält Mario von seiner Kundschaft aus dem TZK?

„Die Leute, die hier arbeiten, sind in Ordnung und cool. Es macht Spaß hier zu sein. Manchmal unterhalten wir uns und es fühlt sich an wie Freundschaft.“

Marios Frau: „Die Menschen hier sind sehr nett.“

Mario ist auch an anderen Orten unterwegs. Unterscheiden sich die Vorlieben seiner Kundschaft je nach Standort?

Manchmal. So war auf dem Wochenmarkt zur Spargelzeit die Spargel-Pizza besonders beliebt.

Vielen Dank, Mario!