Sonja Gröntgen macht die Region Mayen-Koblenz smart

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Sonja Gröntgen ist Chief Digital Officer im Landkreis Mayen-Koblenz. Sie leitet die Stabstelle “Smart Cities” und steuert sowie koordiniert das Gesamtprojekt “Smarte Region MYK10”, um die Region gemeinsam mit allen Akteuren im Landkreis fit für die Zukunft zu machen.

Sonja Gröntgen im TechnologieZentrum Koblenz. Foto: Manolito Röhr.

Frau Gröntgen, was ist unter “Smarte Region” zu verstehen?

Vordergründig geht es dabei zunächst um die Digitalisierung. Mit digitalen Werkzeugen und neuen, innovativen technischen Lösungen soll das Alltagsleben im Landkreis verbessert werden. Dafür spielen – und das ist der Aspekt, der vielen Menschen Angst macht – Daten eine wichtige Rolle.

Bei Datensammlungen denken nicht wenige vermutlich an den gläsernen Menschen.

Man kennt das aus der Berichterstattung über einige asiatische Städte, aber das entspricht nicht dem Prinzip, das man in Deutschland und den westlichen Ländern verfolgt. Es geht zwar auch darum, Daten zu nutzen, aber natürlich unter Berücksichtigung geltender Datenschutzbestimmungen. In der Regel werden anonymisierte Daten verwendet. Das Besondere ist, dass eine Smart City oder Smart Region als ein Ökosystem gedacht wird. Smart bedeutet nichts anderes als intelligent. Ich veranschauliche das gerne am Beispiel Smartphone: Das Smartphone verbindet und bietet ganz unterschiedliche Funktionen, indem es diverse Bereiche, die uns früher separat zur Verfügung standen, zusammenführt und miteinander verknüpft. Da ist eine Kamera drin, ein Notizbuch, ein Navi, die eigene Medikation und so weiter. Erst all das zusammen, das Zusammenwirken all dieser Funktionen in einem Gerät, macht es „intelligent“. Genau das ist das Wichtige bei einer “Smarten Region” – dass man wegkommt vom Silodenken. Denn alle unsere Lebensbereiche sind eng miteinander verknüpft und es bestehen Wechselwirkungen.

Eine smarte Region als Ökosystem?

Ja. Als Region, in der sich verschiedene Lebensbereiche wechselseitig beeinflussen. Durch Daten lässt sich das greifbar machen. Denn durch Daten wird uns in einem so komplexen System die Entscheidungsfindung erleichtert, weil wir faktenbasiert entscheiden.

Haben Sie ein Beispiel für Probleme, die sich auf diese Weise lösen ließen?

Hochwasserschutz ist ein gutes Beispiel dafür. Wir alle haben mitbekommen, was im Ahrtal passiert ist. An dieser Stelle hätte man es mithilfe von Digitalisierung, Datenauswertungen und einer Vernetzung dieser mit Kommunikations- und Informationstechnologien schaffen können, die Zeitspanne zwischen Warnung und Unheil zu verlängern. Wenn man Daten, wie unter anderem Pegelstände und Bodenfeuchtigkeit über längere Zeit sammelt und mit künstlicher Intelligenz verknüpft, lassen sich diese Daten hochrechnen und Szenarien erstellen, um viel früher reagieren und somit Menschenleben retten zu können. Automatisierte Warnungen, die an die Bevölkerung rausgehen, wären eine Möglichkeit.

Das ist ein komplexes Vorhaben. Wer steckt hinter diesem Projekt?

An oberster Stelle möchte ich das BMI nennen. Das ist unser Finanzier. Das ganze Projekt “Smart Cities” geht zurück auf ein Förderprogramm des Bundesinnenministeriums und der KfW, die mit diesem Vorhaben digitale Vorreiter in Deutschland unterstützen wollen, um unseren Alltag smarter zu machen. Auf unserer Kreisebene steht mir als Leiterin der Stabstelle ein Team von mittlerweile sechs Mitarbeiter*innen zur Verfügung, die gemeinsam mit mir das Projekt steuern und hoffentlich zum Erfolg führen. Wir müssen das nicht alleine stemmen, sondern sind da, um alles zu koordinieren. Man könnte uns daher als Koordinierungs- und Befähigungsstelle bezeichnen.

Anders als bei Städten geht es hierbei um Digitalisierung im ländlichen Raum. Gibt es dafür Vorreiter?

Kaum, aber es gibt viele interessante Ansätze. Wir arbeiten deutschlandweit mit allen anderen Smart Cities zusammen. Dabei handelt es sich inzwischen um 73 Kommunen, Landkreise und Städte, die gemeinsam ein Netzwerk bilden, das sich regelmäßig austauscht. Man lernt mit- und voneinander. Es beeindruckt mich immer wieder, wie offen und “Wir”-orientiert man in diesem Netzwerk arbeitet.

Welche Rolle kommt dabei dem TechnologieZentrum Koblenz zu?

Das TZK ist als Katalysator für gute, smarte und innovative Ideen im Landkreis zu verstehen. Hier werden Gründer dabei unterstützt, ihre Ideen zu realisieren und wachsen zu lassen. Ich sehe an dieser Stelle sehr großes Potenzial, gemeinsam mit Menschen, die im TZK etwas entwickelt haben, smarte Funktionen für den Landkreis auszuprobieren. Lokale Ideengeber und Vordenker sind wichtig. Gemeinsam kann man mehr bewegen.

Im TZK wird New Work gelebt. Ist auch das interessant für das Projekt?

New Work ist in mehrfacher Hinsicht relevant. Tatsächlich möchten wir im ländlichen Raum Coworking Spaces errichten – im TZK gibt es ja eins. Es ist ein praktisches Beispiel für moderne Arbeitsformen. Wir denken dabei an “Coworking Spaces plus”, also inklusive Nahversorgungsangeboten, wie ein kleines Café oder ein Shop. Damit lassen sich Ortskerne aufwerten. Es ist aber auch im Sinne des Umweltschutzes, weil die Pendelei zwischen Land und Stadt dabei abnimmt.

Coworking Spaces sind auch gut, um mal aus dem Homeoffice rauzukommen.

Richtig. Denn Homeoffice bedeutet, dass Arbeit und Freizeit am gleichen Ort stattfinden. In der Pandemie hat sich gezeigt, dass dieser Umstand viele Arbeitnehmer*innen belastet. Immer im gleichen Raum sein, immer Privates mit Beruflichem vermischen – das mag nicht jeder. Mal klingelt der Postbote, mal ist etwas anderes, das einen von der Arbeit ablenkt. Mit einem Coworking Space bietet man eine Abgrenzung zum Privaten. Ein Besprechungsraum, eine Telefonbox, stabiles Internet und die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen – das ist Lebensqualität.

Neben der operativen Ebene, geht es bei New Work aber auch ums Mindset. Wir haben eine Arbeitsgruppe, die sich mit dem Thema “Smarte Arbeit” beschäftigt, um sowohl New-Work-Konzepte in die Verwaltung zu bringen als auch Unternehmen vor Ort die Möglichkeit zu geben, voneinander zu lernen und die Zukunft der Arbeit in der Region zu gestalten. Wir möchten kleine Pilotprojekte schaffen und diese agil und iterativ im Sinne einer guten Fehlerkultur anpassen.

Im Erklärvideo auf der Webseite myk10.de heißt es, dass jeder gefragt ist. Unternehmen, Organisationen und einzelne Bürger*innen?

Ja, so ist es. Das Projekt ist in zwei Abschnitte untergliedert: die Strategiephase, die jetzt gerade läuft und die Umsetzungsphase. Bis Ende 2022 schauen wir, wie wir das Geld strategisch sinnvoll einsetzen können. Wie sehen die Ziele für unsere Region aus? Welche Maßnahmen benötigen wir, um diese Ziele zu erreichen? Um all das festzulegen, haben wir einen breiten, partizipativen Prozess gestartet, um zu erfahren, welche Herausforderungen die Bürger*innen, Unternehmen und Vereine im Alltag haben. Nach dem Motto: Wo drückt der Schuh? Und wie sieht die Zukunft aus, die wir uns wünschen? Nur mit diesen Informationen ist es möglich, eine Strategie zu erarbeiten, die sich an den Bedürfnissen der Region orieniert.

Wie versuchen Sie die Menschen zu erreichen?

Da gibt es unterschiedliche Wege. Im ersten Schritt gab es sozusagen als “Appetizer” im Herbst den Ideenwettbewerb. Insgesamt kamen 70 Ideen rein und es gab drei Gewinner, deren Ideen weiterentwickelt werden. Nun, in der Strategiephase, läuft parallel dazu das erste von drei Dialogfenstern. Unter einem Dialog können Sie sich einen Austauschprozess mit der Region vorstellen, der digital über unsere Projektplattform, aber auch vor Ort erfolgt – zum Beispiel, indem wir uns auf den Markt stellen und dort das Gespräch suchen. Möglich ist zudem die schriftliche Form. Wir haben Zettel mit Fragen, die die Menschen ausfüllen und bei einer jeder der Gemeinden abgeben können. Das wird dann an uns weitergeleitet.

Sie legen demnach sowohl auf digitale als auch auf analoge Formate wert.

Ja, das ist uns sehr wichtig, weil wir niemanden ausschließen möchten.

Wie wird es nach dem ersten Dialogfenster weitergehen?

Das zweite Dialogfenster wird im März starten und sich um die Vision für unsere Region drehen. Im Anschluss an beide Dialogfenster werden wir Strategien erarbeiten und diese im Herst zur Diskussion stellen. Neben dem partizipativen Format wurden parallel auf institutioneller Ebene Arbeitsgruppen für zehn verschiedene Arbeitsfelder gebildet, die sich mit Themen wie Bildung, Wirtschaft, Medizin, Versorung und Freizeit befassen. Sie bestehen aus Mitarbeiter*innen aus der Verwaltung, regionalen Unternehmen, aber auch aus Institutionen, wie unter anderem Volkshochschulen, Universitäten, Musikvereine, die Caritas und Feuerwehr.

Es ist sehr spannend für mich, auch das TZK mit einzubeziehen, weil ich mir vorstellen kann, dass hier interessante Menschen arbeiten, die offen für Innovationen sind und sich Dinge vorstellen können, auf die nicht jeder kommen würde. Dinge, die mit digitalen Mitteln möglich sind und eventuell auch zum jeweiligen Geschäftsmodell der Gründer passen.

Das TZK als Inspirationsgeber?

Genau. Dafür gibt es auch schon konkrete Beispiele. Mit Tobias Hastenteufel und Qurasoft machen wir uns bereits auf den Weg, was wir in der Behandlung von chronisch herzkranken Patienten optimieren können. Intersektoral möchten wir verschiedene Akteure zum Wohle der Patientenversorgung besser vernetzen.

Ebenfalls im Sinne der Region ist, dass das TechnologieZentrum Koblenz junge Unternehmen mit erfahrenen, etablierten Unternehmen zusammenbringen möchte. Zwar ist das TZK in Koblenz ansässig, doch Landkreis und Stadt müssen auch gemeinsame Wege für die Region gehen.

Frau Gröntgen, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Wer weitere Informationen zur Smarten Region MYK-10 und mehr über die Person Sonja Gröntgen erfahren möchte, kann gerne in die Podcastfolge von RUND UMS ECK reinhören, in der sie zu Gast war.

Zu hören ist die Podcastfolge zudem hier:

Zur Person:

Sonja Gröntgen hat in Passau „European Studies Major“ und in Maastricht „European Public Affairs“ studiert. Zudem hat sie ein Auslandsjahr in Schweden den Themen Friedensforschung, Menschenrechte und Demokriatie gewidmet. Mehrmonatigen Praktika bei den Vereinten Nationen und anderen internationalen Organisationen in Genf sowie bei der EU in Brüssel folgte die Arbeit als Senior Consultant in einer Münchner Unternehmensberatung. Dort war Sonja Gröntgen für IT-Projektmanagement in komplexen Großprojekten zuständig. 2021 entschied sie sich von der freien Wirtschaft in die Öffentliche Verwaltung zu wechseln.

Kontaktdaten:

Sonja Gröntgen, Chief Digital Officer (CDO)

Kreisverwaltung Mayen-Koblenz, Bahnhofstr. 9, 56068 Koblenz

Telefon:           (02 61) 108 – 447

E-Mail:             sonja [dot] groentgen [at] kvmyk [dot] de